Am 2. Dezember 2026 eröffnet die Berliner Newton Foundation eine neue Ausstellung, die den drei frühen ikonischen Publikationen von Helmut Newton gewidmet ist. Hinter jedem Fotobuch steht ein völlig individuelles Konzept unterschiedlichen Umfangs, das Newton seinerzeit selbst präzise vorbereitet hatte. Zusammengenommen bilden die mehr als 200 Fotografien eine Art ‚Best-of‘ seines fotografischen Werkes aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren.
Helmut Newton gehört zu den einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Er inszenierte seine Bilder bekanntlich sehr lasziv und provokant, mitunter jenseits der Grenzen der gängigen gesellschaftlichen Moralvorstellungen. Seine außergewöhnlich innovativen Aufnahmen, die zumeist im Auftrag der renommiertesten Magazine entstanden, wurden seit den 1950er-Jahren regelmäßig veröffentlicht. 1975 stellte er sie erstmals auch in Galerien aus, und ein Jahr später entstand sein erster Bildband White Women beziehungsweise Femmes Secrètes, der sich damals sehr gut verkaufte, im gleichen Jahr mit dem Kodak Fotobuchpreis ausgezeichnet wurde – jedoch von Anfang an auch umstritten war. 1978 folgte Sleepless Nights beziehungsweise Nuits Blanches, weitere drei Jahre später Big Nudes beziehungsweise 47 Nudes. Die Titel verweisen auf die unterschiedlichen Verlage und Sprachen der Bücher; ihr Inhalt blieb nahezu unverändert. Inzwischen sind diese so berühmten wie berüchtigten Publikationen, die Newtons Weltruhm auch unabhängig seiner unzähligen Zeitschriftenveröffentlichungen begründeten, absolute Fotobuch-Klassiker.
Die Newton Foundation nimmt das 50-jährige Jubiläum des Buches Femmes Secrètes zum Anlass, erneut eine Ausstellung mit zahlreichen Aufnahmen aus den drei Büchern zu bestücken. Auch die neue Präsentation basiert auf der 2012 für das Museum of Fine Arts in Houston erdachten Ausstellung; die in den Büchern publizierten Fotografien verwandelten sich damals in moderne Ausstellungsprints. Zu seinen Lebzeiten wurden die frühen, teilweise ikonischen Bilder an der Schwelle von der Mode- zur Aktfotografie nie zusammen gezeigt. Ergänzend werden nun in Vitrinen die Original-Maquetten der Bücher mit unterschiedlichen Cover-Entwürfen, kleinformatigen ‚work prints‘, mittelformatigen ‚lifetime prints‘, die seinerzeit vermutlich als Litho-Vorlagen dienten, sowie Rezensionen aus unterschiedlichen Zeitschriften jener Zeit präsentiert.
Zur Ausstellung erscheint eine Neuauflage von Femmes Secrètes, nahezu faksimiliert, als dreisprachige Ausgabe im TASCHEN Verlag. Das legendäre Buch war seit vielen Jahren nicht mehr erhältlich, und auf diese Weise schließt sich wieder eine Lücke in der aktuellen Bibliographie von Newtons Werk.
Mit seinem ersten Fotobuch landete Newton einen herausfordernden Coup, weil er einer visuellen Erotisierung der Mode den Weg bereitete, die 1980/1981 in seinen berühmten Serien Big Nudes und Naked and Dressed für verschiedene Vogue-Ausgaben kulminierte. Den ungewöhnlichen Einfall, zeitgenössische Mode mit bekleideten und unbekleideten Modellen in Form von Diptychen zu präsentieren, hatte Helmut Newton bereits Mitte der 1970er Jahre vorbereitet und auch in Femmes Secrètes aufblitzen lassen, mit einer Variante seines ikonischen Modebildes Yves Saint Laurent, Rue Aubriot, das er eines Nachts in der gleichnamigen Straße 1975 für die französische Vogue aufnahm; ein paar Minuten später entstand eine weitere Version, diesmal kombiniert mit einem Aktmodell. So vereinte er in diesem Buch erstmals subtil Nacktheit und Mode in kinematografisch wirkenden Standbildern.
Femmes Secrètes war „wichtig für meine Karriere, denn ein Buch verleiht einem Fotografen eine Autorität, die Zeitschriften und Zeitungen nicht bieten können.“ Seine Frau June, „die stets eine treibende Kraft meiner Arbeit war“, regte ihn zu diesem Buch an. Es „machte Furore, weil es das erste seiner Art war“ und zu „weiteren Büchern und Katalogen“ führte, erinnert sich Helmut Newton später in seiner Autobiografie.
Vergleichbar raffiniert arrangierte er eine andere Auswahl von aktuellen Aufnahmen in Schwarz-Weiß und Farbe, die 1978 in seinem zweiten Buch Sleepless Nights publiziert wurden – und zuvor in zahlreichen Zeitschriften erschienen waren. Auch hier geht es um Frauen, um ihre Körper und Kleider; viele Aufnahmen sind nicht nur Modebilder, sondern zugleich Porträts oder Halbakte, dazu gehören auch drei kleinere ikonische Bildserien: Modelle mit orthopädischen Stützprothesen, die kurz nach J.G. Ballards legendärem Roman Crash entstanden, oder mit Hermès-Ledersatteln, die besonders kontrovers diskutiert wurden, sowie die sogenannten „Dummies“. Mitte der 1970er-Jahre begann Newton für Modeaufträge der französischen Vogue nämlich mit Schaufensterpuppen zu arbeiten, die er beispielsweise spätabends mit Drähten an der Seine-Brücke Pont Alexandre III befestigen ließ. Diese Mannequins wurden von Stylisten so zurechtgemacht, dass man den Unterschied zwischen einem lebendigen Modell und einer lebensgroßen Puppe erst auf den zweiten oder dritten Blick feststellen konnte; eine ungewöhnliche, ja radikale Bildidee, die Newton bereits Mitte der 1960er-Jahre in die Modefotografie einführte.
Seine Publikation Big Nudes machte den inzwischen Anfang 60-jährigen Fotografen schließlich weltberühmt: Auch dieses Buch wurde seit 1981 jahrzehntelang verlegt, hunderttausendfach gedruckt, ebenfalls in mehreren Verlagen und Sprachen. Für die deutsche Ausgabe steuerte Karl Lagerfeld ein Vorwort bei. Newton erklärte die Entstehung der Big Nudes in seiner Autobiographie folgendermaßen: Er sei durch die großformatigen RAF-Fahndungsplakate der deutschen Polizei auf die Idee gekommen, Ganzkörper-Aktaufnahmen mit der Mittelformatkamera im Studio zu machen, die er später lebensgroß abzog. Erstmals präsentierte er sie 1981 in der Pariser Galerie Daniel Templon in diesem ungewöhnlichen Format, begleitet von der ersten Ausgabe des Buches, das damals noch nicht mit Big Nudes betitelt war, sondern schlicht Helmut Newton hieß, verlegt von der Éditions du Regard in Paris. Die fünf ersten Big Nudes aus dem Jahr 1980, römisch nummeriert als auch das ebenfalls lebensgroß abgezogene Diptychon Sie kommen aus der Naked and Dressed-Serie werden seit der Eröffnung der Helmut Newton Foundation im Sommer 2004 in deren oberer Lobby gezeigt. Sie gehören zu Newtons bekanntesten Werkgruppen. In der Publikation und insofern auch in dieser Ausstellung begegnen uns aber auch andere Schwarz-Weiß-Aktfotografien, aufgenommen zwischen 1979 und 1981 in Paris, Monaco, Los Angeles, Saint-Tropez und Brescia.
„Wir stellen Newtons frühe Publikationen, anhand einer Auswahl der darin veröffentlichten Bildmotive, nun erneut aus – und zur Diskussion. Die dreiteilige Ausstellung – White Women, Sleepless Nights, Big Nudes, damals benannt nach den Buchtiteln – war nach ihrer Premiere 2012 im Museum of Fine Arts in Houston im Folgejahr auch in Los Angeles zu sehen, tourte im Anschluss durch Italien und war 2016/17 in Museen in Venedig, Genua und Neapel ausgestellt. Nun haben wir den Ausstellungstitel verknappt und versachlicht – und insofern einen anderen Fokus gewählt. Seit der ersten Ausstellungspräsentation in Berlin, die parallel zu Houston im Jahr 2012 stattfand, hat sich ein neuer kritischer Geist entwickelt, eine Sorgfalt und Achtsamkeit, teilweise eine Neubewertung, nicht nur die Bildinhalte betreffend, sondern auch, was unsere Sprache im gesellschaftlichen Diskurs betrifft. Dem wollen wir nun Rechnung tragen, auch im Rahmen eines Begleitprogrammes in der Newton Foundation.“
Matthias Harder, Stiftungsdirektor
Anlässlich der Ausstellung erscheint im Herbst 2026 das annähernd faksimilierte, nun erstmals dreisprachige Buch Femmes Secrètes im TASCHEN Verlag, als internationale Re-Edition mit einem erweiterten Text von Philippe Garner.











